Hey, Lucy!

Eine Geschichte für kleine Kinder zum Vorlesen und für große Kinder im Erstlesealter

  

Direkt am Deich, nicht weit von dem berühmten Wattenbüttel entfernt, lag das verschlafene
Land Heedelbeker Moor. Hier, so sagte man, war die Natur noch in Ordnung. Denn die vielen
Überflutungen, die sumpfigen Böden und starke Stürme machten dieses Gebiet nahezu
unbewohnbar.
Viele Einheimische wechselten das Flussufer, um neue Häuser zu bauen und ihr Hab und Gut in
Sicherheit zu bringen. Sie hatten es zu schwer, auf dem schlammigen Boden vorwärts zu kommen,
und sie mussten auch ihre Liebsten vor dem Wind schützen.
Tiere, die auf der Wetterseite des Heedelbeker Moordeltas lebten, standen unter ständiger
Beobachtung der Naturschützer. Wie bewiesen wurde, haben sich diese Tiere großartige Fähigkeiten
und einen ausgeprägten Kampfgeist angeeignet, um ein gutes Leben führen zu können.
Im Laufe der Jahre haben sich die sogenannten Orkanspatzen dort angesiedelt. Anders als andere
Spatzen schafften sie es, gegen den Wind zu fliegen und vorwärts zu kommen. Eigentlich sahen sie
aus wie alle anderen Spatzen, aber sie besaßen glänzend gold-braune Füße. An denen konnte man
sie gut von den anderen unterscheiden, auch wenn sie einmal ruhten.


Den ersten Oktobertag verbrachte Klara von Sperlingen wie immer in der Küche, um das
Windbeutelfest vorzubereiten. Ihre Familie war eine der wenigen, die sich weigerte, ihr Heimathaus
auf der stürmischen Westseite im Heedelbeker Moor zu verlassen. Klara liebte es vor allem, den
Orkanspatzen dabei zuzugucken, wie sie Wind und Wetter trotzten.
Manchmal taten sich zwei von ihnen zusammen und flogen abwechselnd im Windschatten des
anderen. Einer kam immer wieder zu Klara in den Garten, wenn sie gerade Wäsche aufgehängt
hatte. Er setzte sich auf ein großes Betttuch, das in der Luft wehte, und surfte darauf wie eine Möwe
auf einer Nordseewelle.
An diesem ersten Oktober war es nebelig. Aber als es gerade hell wurde, konnte Klara vom
Küchenfenster aus bis auf den gegenüberliegenden Bürgersteig gucken. Dort sah sie einen
Orkanspatzen vorbeispazieren. Er sah mitgenommen und zerzaust aus und erst nachdem er den
Weg zum fünften Mal in Richtung alte Mühle hinabspazierte, war Klara richtig wach und fragte sich,
was hier eigentlich los war. Denn sie wusste: Orkanspatzen spazieren nicht gemütlich die Gehwege
rauf und runter. Sie legen normalerweise schon morgens um sieben steile Flüge himmelwärts
zurück.
Dass die Windmühle die Luft zusätzlich aufwirbelte, war für Orkanspatzen auch noch nie ein Grund
gewesen, auf dem Boden zu bleiben. Manche von ihnen verbrachten auch Stunden damit, im
Uhrzeigersinn auf den Windrädern Karussell zu fahren.
Klara fand keine Ruhe. Schnell schlüpfte sie in ihre Puschen und huschte im Morgenmantel über die
noch unbefahrene Landstraße, um sich den Spatz aus der Nähe anzugucken. „Herrje“, dachte sie,
„es ist ja eine Spätzin und sie ist ja gerade erst ausgewachsen!“ Das Vogelweibchen bemerkte sofort,
dass Klara extra wegen ihm hinausgelaufen war und piepste sie kräftig an. Klara war gerührt – wie
eigentlich immer, wenn sie es mit Orkanspatzen zu tun hatte.
„Dein Leben hat ja gerade erst angefangen!“, erwiderte sie.
Klara gab besonders netten Tieren und Menschen gerne schöne Namen. Von nun an hieß das kleine
Vögelchen Lucy und Klara lud es ein, in ihrem Garten zu überwintern. Klaras größte Sorge war, dass
Lucy die Kraft ausging, weil sie so mitgenommen aussah und beinahe federlos war.
Auf Klaras rechter Fußspitze überquerte Lucy mit ihr die Straße und ließ sich auf dem Fensterbrett
vor der Küche absetzen. Den Tag über bekam die Spätzin Futter durch das Fenster gereicht und Klara
fühlte sich bei ihrer Arbeit nicht alleine.
Als der Postbote Knut an diesem Morgen mit der Zeitung und einem Päckchen unter dem Arm kam,
sah er Klara durch das offene Fenster und hörte, wie sie Lieder sang. Die kleine Spätzin trällerte
vergnügt ein paar Töne dazu. Im Nu hatte Knut – Klara nannte ihn „Knuti“ – einen Ohrwurm. Für den
Rest des Tages fuhr er lieber Schlangenlinien als einfache gerade Wege. Sie passten besser zu der
Melodie und seiner guten Laune!
Am Ende dieses langen, aufwühlenden Tages stellte Klara eine Schale mit Körnern in den Garten und
eine Leiter an das Küchenfensterbrett. Dann wartete sie ab, bis Lucy sicher hinabgestiegen war. Sie
vergewisserte sich noch, dass der kleine gerupfte Vogel seine Körner aß, dann ging sie hinein ins
warme Haus und legte sich ins Bett. Im Haus war es still, alle anderen waren bereits in den Federn
versunken.
Beim Einschlafen ging Klara der letzte Sonntag in der Klosterkirche durch den Kopf.
„Hatte diese blöde Tante von den Jansens nicht was von Kunst für das neue Naturfreundehaus
erzählt? War da nicht die Rede von einem Bild mit echten Federn?“ Nachdenklich knipste Klara das
Licht aus und zog sich die Decke über den Kopf. Das war genug für heute.


Lucy wäre keine echte Orkanspätzin gewesen, wenn sie einfach bei Klara geblieben wäre, um es sich
gemütlich zu machen. Sie kuschelte sich für eine Nacht an den großen Laubhaufen neben den
Heckenrosen, um sich auf ihren Weg vorzubereiten.
„Einmal bin ich geflogen, das werde ich nie vergessen“, überlegte sie.
Die Erinnerung an ihren ersten und einzigen Flug in ihrem jungen Leben war das Schönste, was sie
besaß. Noch viel schöner als die Erinnerung an ihre erste Mahlzeit Regenwürmer. Dann schlief Lucy
ein.
Am nächsten Morgen pickte das Vögelchen ein paar Frühstückskörner aus dem Schüsselchen und
machte sich fest entschlossen auf die Beine.
„Meine Füße werden mich weit tragen“, da war sich Lucy ganz sicher. Sie verfolgte ihren Traum, frei
zu sein.
An diesem Herbsttag blickte Klara von Sperlingen etwas später aus dem Küchenfenster, aber sie sah
Lucy gerade noch von hinten unter der Gartenpforte hindurchgehen. Sie konnte ihr noch winken.
„Mach's gut, Spätzchen.“
Lucy hörte diese Worte zwar noch, aber sie drehte sich absichtlich nicht um. Sie wusste, wenn sie
sich umgedreht hätte, hätten sie vermutlich beide feuchte Augen bekommen.
Lucy brach auf und spazierte weiter. Orkanspatzen wollten immer weiter, das lag in ihrer Natur. Sie
durchschritt jede Pfütze. Und kaum waren ihre Füße wieder trocken, kam schon die nächste Pfütze,
durch die sie hindurchmusste. Von unten sah sie, wie andere Vögel über ihr in den Büschen am
Wegesrand wach wurden und die ersten Töne des Tages zwitscherten.
Einen von ihnen erkannte Lucy wieder. Er stammte aus dem Nachbarnest ihres Heimatbaumes, einer
Birke. Obwohl ihr so viele Federn fehlten, erkannte auch der kleine Vogel Lucy wieder und
zwitscherte ihr zu.
Lucy versuchte, seinem Ruf zu folgen und den Baumstamm hochzusteigen. Es gelang ihr nicht. Schon
beim zweiten Schritt musste sie aufgeben, fiel herunter und landete auf dem Rücken. Die kleine
Spätzin musste gleich zwei Tränen weinen. Die eine, weil die Landung so schmerzhaft war, die
andere, weil sie so traurig war, nicht zu ihrem ehemaligen Nachbarsfreund hinaufzukommen.
Sie setzte sich auf den Boden und lehnte sich an den Baum. Es war ein kleiner Kastanienbaum, der
im Wind schief gewachsen war, und der zu dieser Jahreszeit nicht mehr viele Blätter trug. Lucy
schlug ihre Flügel um ihren zarten Körper, um sich zu wärmen und schaute hoch in den Himmel.
„Wenn jetzt auch noch die stacheligen und die schweren braunen Kastanien auf mich herabfallen,
bin ich ganz platt“, überlegte sie.
Ein paar Schritte weiter sah sie ein paar ausgediente Orkanspatzen-Sommerfedern herumfliegen. Sie
hüpfte in diese Richtung und fing fünf Federn auf. Sie landeten auf der Innenseite ihres
ausgestreckten rechten Flügels. „Diese Sommerfedern sind nicht besonders warm, aber besser als
gar keine“, tröstete sie sich selbst.
Die Spätzin schmiedete einen Plan. Sie hatte davon gehört, dass der Tierarzt Doktor Hanno Hoheluft
vor einigen Tagen von seiner langen Reise zurückgekehrt sei. Man sagte, dass er drei Wochen lang
Möwen auf einer Nordseeinsel von ihren Verschmutzungen im Federkleid befreit habe. Vielleicht
konnte Doktor Hanno Hoheluft auch ihr helfen und ihr die aufgefangenen Sommerfedern
anbringen?
Als Lucy bei ihm ankam, nahm er sich gleich Zeit für sie. Sie durfte auf dem Wiesenstückchen neben
seinen afrikanischen Schnabelbrustschildkröten am Feuerstein Platz nehmen, während der Doktor
seine Bücher wälzte. Lucy brauchte viel Geduld. Der tierliebe Doktor Hoheluft blätterte in allen
möglichen Lexika und Tiermedizin-Büchern, fand aber keine Hinweise auf Lucys Fragen. Auch ein
Anruf beim örtlichen Naturschutzverein half nicht weiter. Die Federn konnten nicht angeklebt und
auch nicht angenäht werden. Ein befreundeter Vogelforscher meinte, dass getrocknete Marienkäfer
in lauwarmem Regenwasser vielleicht helfen könnten, damit die Federn nachwachsen und Lucy
wieder zu Kräften käme. Das Ganze sollte drei Mal täglich eingenommen werden. Nachdem der
ganze Garten nach toten Marienkäfern abgesucht und das Wasser aus der Regentonne aufgewärmt
worden war, trat Lucy ein paar Schritte zurück und es war eindeutig: Sie wollte keine Medizin
einnehmen.
Zwei Tage später musste Doktor Hoheluft die kleine Patientin wieder entlassen, ohne dass er ihr
helfen konnte. Lucy bedankte sich bei ihm für seine Mühe und spazierte weiter.
Es wurde schon früh dunkel und Lucy machte sich auf den Weg zur Dorfkirche. Sie wusste, dass die
Tür dort immer für alle offen stand und dass sie dort vor Wind und Regen geschützt sein würde. Als
sie dort ankam, brannten noch ein paar Kerzen. Der Pastor drehte seine letzte Runde in der Kirche,
um nach dem rechten zu schauen.
„Schräger Vogel“, dachte Lucy, „er sieht genauso verzottelt aus wie ich.“ Pastor Langheinrich war
bekannt für seine Frisuren, die er oft vernachlässigte, wenn er im Dorf viel gebraucht wurde.
„Die Kanzel da oben wäre der ideale Schlafplatz“, dachte Lucy. „Da bin ich so hoch wie auf einem
Baum und der Pastor findet mich auf seinem Rundgang nicht.“ Mit etwas Mühe hüpfte Lucy die
Stufen hinauf und versteckte sich dort oben. Durch die Schmucklöcher in der Kanzel konnte sie
Pastor Langheinrich genau beobachten. Nachdem er die Kirchentür von außen verschlossen hatte,
ließ Lucy sich in einer Ecke der Kanzel nieder und schloss die Augen. Erschöpft schlief sie ein und
träumte von einem Flug hoch über den Wolken.
Am nächsten Morgen war Sonntag und die Kirchenglocken weckten Lucy auf. Sie waren so laut, dass
sie sich schnellstmöglich auf die Socken machte. Die Türen standen schon weit auf und sie spazierte
strammen Schrittes hinaus. Die goldene Oktobersonne funkelte durch die orangenen und gelben
Blätter der Bäume hindurch, so dass Lucy ein paar Mal blinzeln musste. Irgendwie kitzelte es sie
unter ihrer Haut und Lucy kratzte sich mit ihrem Schnabel. Es wurde aber nicht besser und sie
schüttelte sich. Lucy hoffte, dass sie sich keine Federläuse eingefangen hatte.
Oben auf einer Gartenmauer saß ein blauer Wellensittich und plapperte. Als er merkte, dass die
kleine Spätzin nicht zu ihm hochkam, hüpfte er zu ihr herunter. Er war ein geselliger und neugieriger
Wellensittich.
Während er Lucy immer und immer wieder erzählte, dass er, Fritze, ausgebüxt sei, guckte Lucy sich
die Stellen an, an denen es so kitzelte. Der kleine Wellensittich beobachtete Lucy ganz genau. Er
hoffte, dass sie ihm ein paar Tipps geben konnte, wie man in der Freiheit überleben konnte. Als er
sie aber genau anschaute, bezweifelte er, dass Lucy das Leben so gut hinbekommen würde.
Schließlich sah sie ziemlich verloren und abgekämpft aus.
Lucy war schwer beschäftigt mit ihren kitzelnden Stellen. Sie untersuchte sie ganz genau. „Da wächst
was aus meiner Haut heraus!“ Ihr war zum Jubeln zumute. Wellensittich Fritze staunte. So einen
zerrupften, fröhlichen Vogel hatte er noch nie gesehen! In dem Käfig, in dem er vorher gelebt hatte,
gab es neben ihm nur einen knallgelben etwas dicklichen Vogel mit etwas Grün hinter den Ohren.
Lucy ahnte schon, dass ihr wieder Federn wuchsen. Sie piepste Fritze an, dann piepsten sie
gemeinsam und setzten den linken vor den rechten und dann den rechten vor den linken Fuß und
alles im Takt zu dem Gesang. Im Nachbarhaus gingen die knarrenden Fensterläden auf, die Müllerin
stellte sich auf ihren Balkon und alle Bewohner des Dorfplatzes versammelten sich auf dem
Bürgersteig. Die ersten zwei Minuten standen alle zusammen mucksmäuschenstill da und staunten.
Die beiden Vögelchen hätten Eintrittsgeld nehmen können. Nach zwei Minuten fassten sich die
Leute über die Schultern und stellten ihre linken Füße vor die rechten und dann die rechten vor die
linken. Der Vogelfreudentanz war schnell einstudiert und alle konnten mitmachen.
„Warum ich mich eigentlich so freue, das hat niemand gesehen. Sie freuen sich einfach alle über
meinen Vogelfreudentanz“, dachte Lucy. Ihr war nicht nur da warm, wo die Federn wuchsen. Ihr war
warm von der Schnabel- bis zur Krallenspitze! Sie zählte noch einmal genau nach, es waren vier neue
Federn. Sie würde sehr gut auf sie aufpassen.
Nachdem sich die Dorfbewohner wieder von dem Schauplatz entfernt hatten und nur noch Lucy und
Fritze dastanden, versprachen sich die beiden ewige Freundschaft. Lucy wollte Fritze zeigen, wo er
draußen Körner herbekam und Fritze wollte Lucy mit dem Flügel wärmen, wann es nachts kalt
wurde.
Im Hinterhof der alten Scheune, wo die Bäuerin nach dem Frühstück immer ihre Tischdecke
ausschüttelte, fielen viele Krümel auf den Boden, die locker für beide Vögelchen reichten. Gesättigt
ließen sie sich am Flussufer nieder und guckten den Möwen zu, wie sie sich Fische aus dem Wasser
angelten, die an der Wasseroberfläche schwammen.
Lucy erklärte: „Das ist nichts für uns. Ich zeige dir, wo du Löwenzahnsamen und Holunderbeeren
findest.“ Sie fühlte sich wie eine große Spätzin, die sich hier in ihrem Revier bestens auskannte. „Von
den Holunderbeeren bekommst du einen blauen Schnabel.“
Der blaue Wellensittich hatte sich für Lucy ebenfalls etwas einfallen lassen. Er kannte eine Straße, in
der ein Papagei wohnte. Fritze wusste, dass ab und zu mal bunte Federn im Garten lagen. Er war
sicher, dass sie Lucy gefallen würden. Lucy war gespannt, wo sie nun hingeführt werden würde, und
sie hatten Glück. Eine knallrote und eine leuchtend blaue, riesige Feder lagen dort auf dem Rasen,
die sich Lucy unter ihre Flügel klemmte. Sie würden sie wärmen und schmücken zugleich.
Lucy und Fritze verbrachten einige Tage zusammen, und sie verstanden sich hervorragend. Jeden
Tag entdeckten sie an Lucys kleinem Körper eine neue Feder, und sie hatten einen Grund zu feiern
und den Vogelfreudentanz zu tanzen. Die Federn wurden immer länger und flauschiger und bald
musste Lucy sich vor dem Winter gar nicht mehr fürchten.


Eines Tages standen sie auf dem Kantstein in einer kleinen Seitenstraße, die wie ausgestorben war.
Alle Bewohner waren weggezogen. Sie fühlten sich völlig unbeobachtet. Hüpften und sprangen
ungeniert den besten Vogelfreudentanz seit seiner Erfindung, als gerade Klara von Sperlingen um die
Ecke bog. Sie nahm diesen Weg immer als Abkürzung zu ihrem Lieblingsfischgeschäft. Fast hätte sie
Lucy gar nicht wiedererkannt, die mit den Papageienfedern im Takt wedelte und mit dichtem
Federkleid die Tanzbeine vor und zurück setzte. Klara hatte zwar von den Dorfbewohnern gehört,
dass es da zwei Vögel gab, die an einem Sonntag Anfang Oktober in der Nähe der Kirche so etwas
aufgeführt hätten. Aber sie wusste, dass die Leute manchmal viel erzählten, wenn die Tage lang
waren. Als sie Lucy wiedererkannte, strahlte sie wie die Sonne selbst. Klara erkannte sofort, dass es
Lucy jetzt gut ging. Sie hätte die Welt umarmen können, weil sie nun wusste, dass Lucy tanzen
konnte und einen Freund gefunden hatte. So oft hatte sie sich gefragt, wie das junge Vögelchen
wohl durchs Leben ging.
„Hey, ihr beiden, in drei Tagen ist die große Eröffnung vom Naturfreundemuseum. Bitte kommt mit
mir. Es gibt Goldwasser zu trinken und für euch gibt es Sonnenblumenkerne zum sattfuttern. Das
wird ein Vergnügen!“
Fritze musste nicht lange überlegen. So viele Wörter konnte er zwar nicht sprechen, aber einer
seiner Lieblingssätze war: „Das ist gebongt.“
Klara war aufgeregt und trommelte alle Dorfbewohner zusammen. Am Tag der Eröffnung schmückte
sie sich mit ein paar farbigen Kunstfedern, die sie vom letzten Fasching übrig hatte, um mit Lucy im
Partnerlook zu gehen.
Sie hatte viel Zeit gehabt, um über alles nachzudenken. „Es kann kein Zufall sein, dass die Tante von
den Jansens ein Bild mit echten Orkanspatzenfedern herstellte, um es im Naturfreundemuseum
auszustellen, und gleichzeitig hatten Lucy so viele Federn gefehlt.“ Da musste man keine Detektivin
sein, um zu verstehen, dass hier etwas faul war.
Am großen Tag der Eröffnung erschien Margarete Pracht, die Tante von den Jansens, in einem
kornblumenblauen Kleid und einem gelben großformatigen Hut mit allerhand Schnörkelkram im
Naturfreundehaus. Sie sah selbst aus wie ein Kunstwerk.
Die Feier war gut besucht. Sogar Knuti der Postbote war der Einladung von Klara gefolgt. Sie hatte
ihm berichtet, dass er die Spätzin Lucy kennen würde, die dort ganz groß rauskommen würde.
Klara von Sperlingen lief mit Lucy und Fritze auf ihren Schultern durch die Ausstellung. Die Spannung
bei Klara wurde immer größer. In einem passenden Moment stelle sie sich genau vor Margarete
Pracht und schnitt ihr den Weg ab.
„Darf ich Ihnen Lucy und Fritze vorstellen?“
Margarete, die davon träumte, mit ihrer Kunst groß rauszukommen, wurde von einer Sekunde auf
die andere weiß wie eine Schneeeule.
Klara wusste, Margarete Pracht hatte die Spätzin wiedererkannt. Sie war entschlossen, sich darum
zu kümmern, dass die Preisverleihung eine Wende erfahren würde.
Alle Künstler und Künstlerinnen, die ihre Werke dem Naturfreundehaus übergeben hatten, wurden
geehrt. Margarete Pracht konnte es kaum erwarten, ihren Namen ganz am Schluss zu hören, um den
ersten Platz und ein ordentliches Preisgeld entgegenzunehmen. Sie hatte sich vorgenommen, mit
dem Geld eine Flugreise nach Amerika zu unternehmen. Fliegen war ihr größter Traum.
Doch es kam anders. Der Direktor des Naturfreundemuseums hielt ihr Kunstwerk mit den
achthundert Orkanspatzenfedern hoch. Seine Assistentin hielt Lucy mit beiden ausgestreckten
Armen so hoch sie konnte und flüsterte Lucy zu: „Los, beschwer dich, schimpf so laut du kannst und
vertreib diese unverschämte Frau aus unserem Haus!“
Aus voller Kehle piepste Lucy Margarete Pracht an: „Mein Federkleid hast du mir genommen und du
hast mir wehgetan! Es war dir egal, dass ich nicht mehr fliegen konnte!“ Die Dorfbewohner horchten
entsetzt auf. Dann jubelten sie Lucy zu und klatschten dem mutigen Vogel begeistert zu. Lucy
schimpfte sich in die Herzen der Dorfbewohner. Sie spendeten dem Naturfreundehaus viel Geld,
damit die Naturschützer ihre Arbeit machen konnten.
Klara von Sperlingen wurde besonders geehrt. Der Direktor verkündete, dass sein Haus auf den
Namen ‚Museum Klara von Sperlingen‘ getauft würde.
Durch die Hintertür verschwand Margarete Pracht voller Zorn. Ihr ganzer Ärger galt Klara von
Sperlingen. Sie setzte einen Fuß nach draußen, wo auch noch der Wind um die Ecke pfiff. Bei einer
Orkanstärke von ungefähr fünfzehn wehte ihr Hut davon. Mit allem Schnickschnack und Firlefanz.
In der großen Halle des ‚Museums Klara von Sperlingen‘ wurde bis in die Nacht getanzt. Den linken
Fuß vor den rechten und den rechten vor den linken.
Durch das Fenster schaute das kleine Zwergschweinchen Lucky aus Wattenbüttel. Lucky hatte von
der kleinen Orkanspätzin gehört und wollte sie einmal in echt sehen. So hatte er sich auf seine vier
Pfoten gemacht hat. Er gesellte sich zu den Feiernden und setzte auch die linken Pfoten vor die
rechten und die rechten vor die linken.
Am nächsten Tag hatte Lucy Rückenwind. Sie flog davon und war frei, frei wie ein Vogel.

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